Rezensionen

[Rezension] Tanja Steinlechner: Die Tänzerin vom Moulin Rouge

Paris 1880. Louise Weber wächst als Tochter einer Wäscherin in bitterer Armut auf. Doch sie brennt für den Tanz. Immer wieder schleicht sie sich heimlich fort, in die Bars und Cafés am Montmartre, und steigt, gefördert von Künstlern wie August Renoir oder Toulouse Lautrec, zum Star des Moulin Rouge und zur international gefeierten Königin des Cancan auf. Doch die Angst, wieder in die Armut abzugleiten, quält sie. Und so setzt sie alles aufs Spiel: Wohlstand, Glück – und die Liebe ihres Lebens …


Mit „Die Tänzerin vom Moulin Rouge“ ist es Tanja Steinlechner gelungen, ein farbenfrohes und authentisches Bild des Lebensgefühls zu malen, das wohl im Paris Ende des 19. Jahrhunderts geherrscht hat. Die Gegensätze zwischen der strengen Moral der ärmeren, einfachen Bevölkerung auf der einen und dem absoluten, ungezügelten Exzesses auf der anderen Seite sind schillernd eingefangen in allen Höhen und Tiefen. Wie das Leben der Protagonistin lässt auch dieses Buch dem Leser keinen Moment zum Durchatmen, es geht immer weiter und weiter. Darin liegen die Stärken, aber auch die Schwächen dieses historischen Romans.

La Goulue – ein einzigartiger Charakter

Mit Louise Weber hat sich die Autorin eine reale Figur aus der Vergangenheit des Moulin Rouges rausgesucht, deren Lebensweg wir erfahren können. Sie hält im Nachwort eindeutig fest, dass sie sich Freiheiten mit der Biografie genommen hat, um stattdessen eine stringentere fiktive Erzählung liefern zu können. Da ich zuvor von Louise Weber nichts wusste, hat mich dies nicht gestört, aber Kenner dürften sich hier an einigen Details reiben.

La Goulue, wie sich Louise Weber auf der Bühne nennt, macht von Anfang an ihrem Namen alle Ehre: Sie ist gefräßig und unersättlich, im besten und schlimmsten Sinne des Wortes. Sie will mehr als nur Wäscherin sein und packt die Gelegenheit, die sich zufällig ergibt, beim Schopf. Mit ihrer Lebenslust, die jeder in ihrer Nähe sofort spürt, kann sie Männer wie Frauen in den Bann ziehen und auch mich als Leserin. Mit ihren Worten erschafft Steinlechner eine glänzende Welt, in deren Mittelpunkt Louise steht, die man sich in ihrer ganzen Pracht stets vorstellen kann.

Daneben gibt es eine unfassbare Reihe von Nebencharakteren, die mal kürzer, mal länger an der Seite von Louise stehen, ihren Ruhm genießen wollen oder sie aufrichtig mögen. Jede dieser Figuren hat ihren eigenen Charakter, deutlich von der Autorin beschrieben, so dass man nie die Übersicht verliert, aber genau deswegen bisweilen auch ein wenig flach, da meist nur ein oder zwei Wesenszüge wirklich ausgearbeitet werden. Man weiß nie, wer eine größere Rolle spielen wird und so gibt es auch nie den deutlich erkennbaren, zu erwartenden Liebhaber, der von Beginn an für den Leser offensichtlich ist. Dies wird insbesondere dadurch befeuert, dass Louise sowohl Männer als auch Frauen liebt, wobei ihre Vorurteile gegenüber ersteren dazu führen, dass sie nur mit Frauen ernsthafter und länger in Beziehungen bleibt. Im Moulin Rouge wird das Flirten mit dem anderen Geschlecht geschätzt, und doch bekennt sich Louise nie offen zu ihrer Liebe zu den Frauen, da sie die männliche, zahlende Kundschaft nicht vertreiben will.

Die Stärken und Schwächen des Buches

Genau hier entsteht der zentrale Konflikt: Louise will niemals von einem anderen Menschen, insbesondere einem Mann, abhängig sein, und in ihrer Furcht vor der Liebe, die sie abhängig machen könnte, stößt sie immer wieder alle von sich, die ihr wirklich Gutes wollen. Ihr Selbstwert ist so sehr an den Eindruck, den andere von ihr haben, geknüpft, dass sie in Wirklichkeit abhängiger ist, als sie es je in einer Ehe mit einem geliebten Menschen sein könnte. Immer wieder bricht ihre Welt zusammen, immer wieder baut sich Louise selbst neu auf, aber nie hält sie inne, um wirklich zu erfassen, was sie will. Es ist offensichtlich, wie gut sich die Autorin mit der menschlichen Psyche auskennt, denn egal, wie wenig man selbst den Glamour des Moulin Rouges von damals kennt, man fühlt sich Louise dennoch nahe und kann ihre Regungen verstehen, so tragisch und zerstörerisch sie auch sein mögen.

In der tiefgründigen Darstellung von Louises Charakter liegt jedoch zugleich auch die Schwäche des Buches. Wo dem Leser keine Verschnaufpause bleibt, wird die Lektüre bisweilen doch zu lang. Immer gleiche Begegnungen mit immer anderen Menschen, immer gleiche Abfolgen von höhen und Tiefen werden in der Mitte zeitweise langweilig, obwohl – oder vielleicht auch gerade weil – so unfassbar viel geschieht. Bald wird auch klar, wohin die Reise geht, und obwohl mich das Ende emotional berührt hat, empfand ich es doch zu lange herausgezögert. Ein wenig mehr Raffung des Stoffes hätte das Lesevergnügen für mich verbessert.

Fazit

Die Geschichte der Goulue Louise Weber ist faszinierend und mit den Freiheiten der Fiktion zu einem einzigartigen Lebensgefühl in Wortform hier niedergeschrieben. Das Leben im Paris, im Moulin Rouge zum Ende des 19. Jahrhunderts ist authentisch eingefangen in den vielen Charakteren, die wir hier kennenlernen dürfen. Trotz des hohen Erzähltempos hat das Buch jedoch einige Längen, so dass es am Ende beinahe ermüdend wurde. Für jeden, der das Nachtleben von Paris einmal selbst fühlen will, ist dieses Buch dennoch auf jeden Fall eine Empfehlung, weswegen ich 4 von 5 Kaffeetassen vergebe.


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Autorin: Tanja Steinlechner
Genre: Historischer Roman / Saga
Erschienen: 28. Mai 2021 bei Bastei Lübbe
Ausgabe: eBook (mobi)

Vielen Dank an NetGalley und Bastei Lübbe für das Bereitstellen dieses Rezensionsexemplares.

*Cover, Klappentext und bibliografische Angaben entnommen von luebbe.de

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