Rezensionen

[Rezension] Charlie Lovett: Der Buchliebhaber

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Arthur Prescott ist glücklich mit seinem Leben im beschaulichen Barchester. Er unterrichtet an der Universität und verbringt seine Freizeit am liebsten in der Bibliothek der Kathedrale, deren Geschichte er recherchiert.

Doch ausgerechnet seine wichtigste Quelle, das ›Buch der Ewolda‹, gilt als verschollen. Seit Jahren sucht Arthur vergebens nach dieser mittelalterlichen Handschrift, als nun auch noch ein Eindringling seine Arbeit stört: Die junge Amerikanerin Bethany ist nach Barchester gekommen, um die Bestände der Bibliothek zu digitalisieren. Ein Sakrileg in den Augen des bibliophilen Arthur.

Doch Bethany erobert schließlich nicht nur Arthurs Herz, sie hilft ihm auch, das Rätsel des verschwundenen Manuskripts zu lösen …


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Der Titel und das Cover dieses Buches können den interessierten Käufer leider sehr leicht in die Irre führen. Denn wenn man erwartet, hier eine süße Liebesgeschichte vor dem Hintergrund einer Suche nach alten Dokumenten zu bekommen, wird vermutlich recht schnell enttäuscht. Natürlich gibt es die Romanze, und natürlich lesen wir von spannenden Ermittlungen – doch es ist viel mehr als bloß die Geschichte zweier Menschen, die in der Suche nach verschütteten Geheimnissen vereint sind.

Der englische Originaltitel verrät auch noch etwas, was der Klappentext uns vorenthält: The Lost Book of the Grail Or, A Visitor’s Guide to Barchester Cathedral (Das verschwundene Buch des Grals oder Ein Besucherführer für die Barchester-Kathedrale). Denn wie ich zu meinem großen Vergnügen festgestellt habe, ist die Hauptperson, Arthus Prescott, vor allem auf der Suche nach dem Heiligen Gral, welchen er in seiner Heimatgemeinde Barchester vermutet. Gleichzeitig hat er den Auftrag, einen Kirchenführer über die Geschichte der Kathedrale zu schreiben. Diese ist mit der Geschichte der Eiligen Ewolda verbunden, über die jedoch praktisch nichts bekannt ist. Erst, als die Amerikanerin Bethaney Dawis auftaucht und ihn darauf aufmerksam macht, dass ein mittelalterliches Manuskript in der Bibliothek fehlt, findet er eine neue Spur und gemeinsam begeben sie sich auf die Suche nach jenem Manuskript, von dem sie sich erhoffen, dass es die Lebensgeschichte von Ewolda enthält.

Eher flache Charaktere

Im Hintergrund des Romans spielen weitere Figuren eine Rolle, wie Arthurs Freunde Oscar und David, oder die Dekanin der Kathedrale, Gwyneth. Eine wirkliche Charakterisierung erhalten sie jedoch nicht, sondern funktionieren eher als Plot-Instrument, um die Geschichte an den richtigen Stellen vorwärts zu bringen. Vor allem aber sind sie es, die von Anfang an Arthur damit aufziehen, dass er wohl etwas mehr für die Amerikanerin empfindet, welche er nach außen hin aufgrund ihres Digitalisierungsvorhabens verabscheut. Bevor sie die beiden je zusammen gesehen haben, sind alle seine Bekannten bereits überzeugt, dass er in sie verliebt ist. Das ist der eine große Punkt in diesem Roman, der mich gestört hat: Die Liebesgeschichte wirkt von außen aufgezwungen und entwickelt sich wenig natürlich zwischen Arthur und Bethany. Obwohl wir immer wieder mitbekommen, wie fasziniert Arthur von Bethany ist, fehlen doch jegliche Hinweise darauf, was sie an ihm finden könnte. Zusätzlich steuert dieser Subplot nichts zum eigentlichen Thema bei und wirkt damit noch merkwürdiger.

Das Nachfühlen der Emotionen wird auch dadurch erschwert, dass die Geschichte einerseits über weite Strecken ausschließlich aus Dialogen besteht, ohne dass es Einschübe über Gefühle, Gedanken, Mimik oder Gestik der sprechenden Charaktere gibt. Als Leser muss man all das aus dem gesprochenen Wort ablesen – doch was gesagt wird, erscheint oft eher wie ein wissenschaftlicher Aufsatz, frei von jeglichen Emotionen. Wenn Charaktere gerade nicht sprechen, bekommen wir entweder ausführlich Arthurs Gedanken präsentiert, oder beschreibende Ausführungen über vergangene Geschehnisse. Auch hier werden Charaktere nicht komplexer gestaltet und treten hinter der Information, die vermittelt werden soll, zurück. Somit bleiben alle Figuren bis auf Arthur, dessen Gedanken wir lesen, eher flach.

Arthur ist ein spannender Charakter, der gefangen ist in seinem Elfenbeinturm der Wissenschaft. Seine Liebe zu gebundenen Büchern und die Angst, dass Digitalisierung den Untergang der kulturellen Errungenschaften der Vergangenheit bedeuten wird, macht ihn streckenweise arrogant und schwer erträglich, doch man kann ihm leicht verzeihen, gerade wenn man seine Liebe teilt. Im Verlauf des Buches lernt er die Vorzüge von Internet und digitalen Medien zu schätzen und wächst an daran.

Eine spannende Suche nach verschollenen Schätzen

Doch in diesem Roman geht es nicht um die Figuren. Es geht um Kirchengeschichte und eine Schnitzeljagd auf der Suche nach einem verschwundenen Manuskript, das vielleicht auch den Schlüssel zum Heiligen Gral enthalten könnte. Jedes Kapitel wird eingeleitet mit einer Szene, die viele Jahrhunderte früher stattgefunden hat: Von Generation zu Generation wird das Geheimnis der Ewolda und ihrem Schatz von einem Hüter zum nächsten weitergegeben und wir als Leser sind Zeuge davon. Wir wissen damit etwas mehr als die Suchenden, doch bis zum Schluss bleiben wir über wesentliche Punkte im Dunkeln.

Hier liegt auch die große Stärke des Romans: Eine erfundene Geschichte über eine nichtexistente Heilige wird so spannend und informativ aufbereitet, dass man das Gefühl bekommt, dies hätte sich in der realen Welt zutragen können. Sorgfältig werden echte Geschehnisse wie die Verfolgung aufgrund von Glauben und Religion unter Cromwell verstrickt mit der ausgedachten Geschichte über die Hüter von Ewoldas Schatz. Oft liest sich dies eher wie ein wissenschaftlicher Aufsatz, der mit den Stilmitteln eines Romans geschrieben wurde, doch mich persönlich hat das nie gestört. Ich fand es mehr als spannend und authentisch dargestellt. Auf 500 Seiten wurde ich mitgenommen und konnte eintauchen in die Welt von Religion und Kirchengeschichte.

Fazit

Der Roman „Der Buchliebhaber“ von Charlie Lovett verbindet eine oberflächliche Liebesgeschichte mit einer gut recherchierten Suche nach verschollenen kirchengeschichtlichen Manuskripten. Gut recherchiert, spannend erzählt und zu einem konsequenten Ende geführt, verfolgen wir eine Schnitzeljagd erwachsener Personen, die an den Heiligen Gral glauben, aber bis zum Schluss nicht wissen, welcher unglaublichen Entdeckung sie wirklich auf der Spur sind. Die Charaktere dieser Geschichte sind nebensächlich und so bleiben sie leider sehr flach. Wer sich für die Sage um König Artus, den Heiligen Gral und Religionsgeschichte in England interessiert, kommt hier definitiv auf seine Kosten. Die Liebesgeschichte hingegen bleibt stets im Hintergrund.

Ich vergebe 4 von 5 Kaffeetassen.

4P


 

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Autor: Charlie Lovett
Übersetzer: Heike Reissig, Andreas Helweg
Originaltitel: The Lost Book of the Grail Or, A Visitor’s Guide to Barchester Cathedral
Genre: Roman / Zeitgenössische Literatur
Ausgabe: Taschenbuch, 512 Seiten
Erschienen: 20.11.2017 bei Goldmann

 

Cover, Klappentext und bibliografische Angaben entnommen von randomhouse.de

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